Mittwoch, 26. Juni 2019

Sprachlose Not

Soll ich meinem besten Schulfreund die Treue halten, obwohl er säuft? Muss ich mich als Schulleiter schützend vor eine Kollegin stellen, obwohl sie eine Entdeckung gemacht hat, die für die Schule unangenehm werden könnte? Wie schaffe ich es als Scheidungsvater, mein Kind zu unterstützen, wenn ich doch stellenlos bin und keine Kraft mehr habe?

Die 50-jährige Pariser Autorin Delphine de Vigan macht schon seit Jahren von sich reden; vor allem ihre autobiografisch grundierten Romane „Tage ohne Hunger“ (Thema Magersucht) und „Das Lächeln meiner Mutter“ (Suizid ihrer Mutter) haben sie bekannt gemacht und ihr zahlreiche Preise eingetragen. Auch der neuste Text beleuchtet ein für unsere Gesellschaft eher unangenehmes Phänomen: die Alkoholsucht von Kindern und Jugendlichen. Am Beispiel dieses Phänomens rückt die Autorin jedoch auch die Brüchigkeit unserer sogenannten Wohlstands- und Leistungsgesellschaft in den Blick, die lautlosen Dramen, die sich unter der Oberfäche der bürgerlichen Wohlanständigkeit abspielen. Wegsehen geht nicht mehr, das Buch ist zu gut, zu berührend, zu packend.

Da ist Théo, 12-jährig, Collégien: „Ich liebe es, den Alkohol in meinem Körper zu spüren.“ Denn er ist ohne diese Droge haltlos, irgendwo unterwegs zwischen seiner hart gewordenen und von der Wut auf ihren Exmann zerfressenen Mutter und dem von ihr geschiedenen und in die Depression und die Verwahrlosung abgeglittenen Vater; bei diesem verbringt er die Wochenenden in einer dunklen, unaufgeräumten Blockwohnung. Eingekauft ist nicht, väterlich-sorgende Liebe erfährt er keine, denn dieser liegt meist mit leerem Blick im Bett. Théo räumt auf, so gut es geht, kauft ein, sofern die Kreditkarte nicht gesperrt ist – reden darüber mag er aber mit niemandem.

Da ist Mathis, sein bester Freund, der aus reiner Freundschaft mittrinkt und Théo manchmal beisteht, wenn dieser erbricht oder durch die Korridore des Schulhauses taumelt. Und da ist Hélène, die Klassenlehrerin der beiden, welcher als einziger im Kollegium auffällt, dass mit Théo etwas nicht stimmt, „nur etwas im Verhalten des Schülers, etwas wie eine Abschottung, eine besondere Art, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen.“ Sie hat ein feines Sensorium, denn sie wurde als Kind vom Vater misshandelt; sie kennt aus eigenem Erleben „diese Art, mit der Umgebung zu verschmelzen, transparent zu werden.“ Aber weder der Schulleiter noch der beste Lehrerkollege nehmen sie ernst, an der von ihr einberufenen Klassenkonferenz erntet sie belustigte oder verniedlichende Kommentare, Théo sei halt ein stilles Kind, vielleicht ein wenig bedrückt wegen der geschiedenen Eltern, aber leistungsmässig durchaus ok. Niemand will wirklich wissen, was los ist.

Abwechslungsweise gehen wir mit den Hauptpersonen durch diese Geschichte: mit den beiden Schülern, Mathis‘ Mutter Cécile und der Klassenlehrerin. Alle leiden sie an ihrem jeweiligen Leben, sind heillos überfordert und verzweifelt, schaffen es jedoch nicht – auch aus jeweils anders verstandenen Gründen der Loyalität –, noch nicht, ihre Lage zu ändern.
Ein Roman, der in seiner Unausweichlichkeit und dank seiner prägnanten Sprache zu Herzen geht.

Delphine de Vigan, Loyalitäten. Dumont 2018

Omnia vincit amor?

Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“ So beginnt der neue Roman des englischen Autors Julian Barnes, dessen Romane bereits ein Schriftsteller Leben lang um das Phänomen der Liebe kreisen. Schon dieser erste Satz macht deutlich, dass wir alle, die wir lieben, herausgefordert sind. Und dass Liebe untrennbar verknüpft zu sein scheint mit Leiden.

Einer schaut zurück auf sein Leben, dessen zentraler Energiepunkt die Liebe war. Er heisst Paul Roberts, war Jurist, später Sekretär verschiedener Organisationen, um schliesslich im gesetzten Alter an einem Marktstand Käse zu verkaufen. Er führt zwar ein beschauliches, ruhiges Leben auf dem Land; die Erinnerungen an seine erste Liebe treiben ihn jedoch um. Denn seine These lautet: „Die meisten von uns haben nur eine einzige Geschichte zu erzählen. … Nur ein Ereignis ist von Bedeutung, nur eins ist letzten Endes erzählenswert.“ Und diese seine einzige Geschichte erzählt er uns nun: Im ersten Teil aus der Ich-Perspektive, im zweiten spricht er sich als Du an, im dritten wird dieses Du zum Er. Immer aber wendet sich der Erzähler – er dürfte etwa gleich alt sein wie der Autor – auch an uns, schaltet sich kommentierend und erklärend in die Geschichte ein. Er muss sie sich und uns erzählen, weil es „zu seinen letzten Aufgaben im Leben gehört, Susan richtig in Erinnerung zu halten.“
Diese Susan ist 48 Jahre alt, als er sie anlässlich eines Tennisturniers als Doppelpartnerin zugelost bekommt. Er ist in jenem Sommer in den sechziger Jahren 19-jährig, hat eben sein Studium begonnen und merkt schon bald, dass aus harmlosen Neckereien ein veritabler Flirt wird; die schwerelosen Gefühle vertiefen sich bei beiden, die gegenseitige Zuneigung führt zu einem ersten Kuss. Und schon sind sie ein Liebespaar, das seine Verliebtheiten jedoch sorgsam verstecken muss, denn Susan ist seit 25 Jahren verheiratet und hat mit Gordon zwei erwachsene Töchter. Pauls Eltern sind entsetzt, als sie zu ahnen beginnen, dass mehr als Tennisfreundschaft ihren einzigen Sohn mit seiner Doppelpartnerin verbindet; Gordon seinerseits scheint den neuen Hausfreund, der bei ihnen ein und aus geht und manchmal sogar seine Freunde mitbringt, zum Erstaunen von uns Leserinnen und Lesern zu akzeptieren. Als der Tennisclub die beiden zwei Jahre nach ihrem ersten Turnier jedoch ausschliesst, wird die ganze Sache publik; Paul und Susan ziehen frohgemut nach London in ein kleines Haus. Es kommt Paul vor, „als hätte sich die Lunge meiner Seele mit reinem Sauerstoff angefüllt.“

Wie so viele andere wird auch diese Liebesgeschichte nicht gut ausgehen, vermutet man, auch wenn beide einander aufrichtig lieben und sich ein Alltagsrhythmus einspielt: Er schliesst sein Studium ab und arbeitet als Jurist in einer Kanzlei, die sich auf Prozesskostenhilfe spezialisiert hat, sie ist zuhause oder fährt in ihr ehemaliges Haus zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Eines Tages aber muss Paul sich eingestehen, dass Susan zu oft und zu viel und auch heimlich trinkt, dass sie also Alkoholikerin geworden ist; in die Liebe mischen sich Gefühle von Scham und Schuld, von Trauer, Mitleid und auch Zorn. „Eines Tages siehst du ein Bild von eurer Beziehung vor dir. Du stehst an einem Fenster oben im haus. Sie ist irgendwie hinausgeklettert, und du hältst sie fest. An den Handgelenken, versteh sich. Aber ihr Gewicht macht es dir unmöglich, sie wieder ins Haus zu ziehen. Du schaffst es gerade noch, dich nicht mit ihr, von ihr hinausziehen zu lassen. … Ihr hängt beide dort fest, ineinander verhakt, und das wird so bleiben, bis deine Kräfte erschöpft sind und sie hinunterfällt.“ Nachdem auch eine Entziehungskur im Krankenhaus nicht hilft, kann er nicht mehr; nach etwa neun Jahren gemeinsamen Lebens „gibt er Susan ab“ an eine ihrer Töchter und geht beruflich auf Reisen. Als er nach zwanzig Jahren zurück kommt und Susan besucht, ist sie wegen ihres Alkoholismus in die Demenz abgeglitten – ein Satz, den er in einem eigens für Defintionen von Liebe angelegten Notizbuch stehen gelassen hat (viele andere Notate hatte er durchgestrichen), erweist sich für ihn traurigerweise als zutreffend: „Meiner Meinung nach ist jede Liebe, ob glücklich oder unglücklich, eine wahre Katastrophe, sobald man sich ihr voll und ganz hingibt.“ Ihn lässt er weiterhin so stehen.

Julian Barnes exzellenter und von Gertraude Krueger sehr passend ins Deutsch übertragene Roman bereitet ein grosses Lesevergnügen, fordert einen jedoch aus drei Gründen erfreulicherweise zusätzlich heraus: Weil der Autor einen Erzähler installiert, der nicht nur erzählt, sondern das, was er erinnert, immer auch reflektiert; dann, weil dieser Erzähler uns mit hineinnimmt in seine Geschichte, indem er uns immer wieder direkt anspricht und uns dadurch implizit zur Stellungnahme einlädt; schliesslich, weil Paul dieses Notizbuch führt mit Definitionen von Liebe, die wie Aphorismen im Roman verstreut auftauchen. Man beginnt unweigerlich diese Definitionen auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen zu prüfen, entwirft vielleicht sogar eigene – um dann mit dem Erzähler gemeinsam einzusehen, dass „die Liebe vielleicht niemals in einer Definition zu erfassen war; sie war überhaupt nur in einer Geschichte zu erfassen.“ Auch wenn sich der Erzähler gegen Ende seines Lebens vorstellt, dass und wie die Handlungsfäden von seiner und Susans Geschichte sich möglicherweise auch anders hätten verknüpfen können, wird ihm – und uns – klar, was Jean-Paul Sartre eine seiner Personen im Stück „Geschlossene Gesellschaft“ sagen lässt: „Du bist nichts anderes als dein Leben.“ Von all den möglichen Geschichten, so die Lebens-Bilanz, hat man nur genau eine gestaltet: Die einzige Geschichte.

Julian Barnes, Die einzige Geschichte. Kiepenheuer & Witsch 2019

Die Welt geht unter

In was für ein Leben träumt man sich? Wie wird die Zukunft aussehen? Was erwartet einen? Solche Fragen stellen sich vermutlich alle irgendwann, umso intensiver, je klarer gewisse Fakten sich zeigen: Das Klima erwärmt sich, die weltweiten Migrationsströme werden breiter, die Ungleichheiten nehmen zu. Was das für das Leben von morgen konkret bedeuten könnte, zeigt der britische Autor John Lanchester in seinem eindrücklichen Roman: „Die Mauer“.

Es ist kalt auf der Mauer. Das ist das Erste, was einem jeder erzählt, und auch das Erste, was einem auffällt, wenn man dorthin versetzt wird. … Es ist kalt auf der Mauer.“ – Schon mit diesem ersten Satz nimmt einen der junge Mann Joseph Kavanagh mit an den Ort, an dem er die zwei Dienstjahre verbringen muss, zu denen alle verpflichtet sind. Diese Mauer umschliesst eine Insel – wie sich später zeigen wird, ist es England –; sie ist 10‘000 Kilometer lang, 5 Meter hoch und weist alle 200 Meter einen nummerierten Posten auf. Auf jedem Posten steht eine Bank aus Beton, die aufs Meer hinaus schaut und „breit genug für zwei Leute“ ist. Ein Dienstmonat teilt sich auf in zwei Wochen Wachdienst, eine Woche Training und Innendienst und eine Woche Freizeit. Für die „Verteidiger“ geht es darum, „die Anderen“, die immer wieder mal vom Meer her angreifen und die Mauer zu überwinden versuchen, um ins dahinter liegende Land zu gelangen, fernzuhalten oder nötigenfalls zu töten; für jeden Anderen, dem es trotzdem gelingt, ins Land zu kommen, wird ein Mitglied der Wachmannschaft zur Strafe aufs Meer hinaus verbannt.

Kälte::::Beton::::Wind::::Himmel::::Wasser“, das ist die Welt, der Kavanagh ausgeliefert ist; manchmal schaut der Hauptmann vorbei, von dem man munkelt, er sei früher selbst „ein Anderer“ gewesen, alle drei Stunden kommt Mary angefahren auf ihrem Fahrrad und bringt warmen Tee mit Keksen. In der Halbzeit darf Joseph sich mit den beiden Posten von links und rechts treffen, um die karge Mahlzeit gemeinsam mit ihnen, es sind zwei Frauen, zu essen und um ein paar belanglose Worte zu wechseln. Ansonsten: Einsame Stunden das Wartens in der Kälte, in Regen und Wind, die am schlimmsten sind in den stockdunklen Nächten, wo man nur auf sein Gehör zählen kann, um allfällige Andere wahrzunehmen.

Als Kavanagh in einer freien Woche einmal ins Landesinnere fährt zu einen Eltern, wird deutlich, dass er ihrer Generation die Schuld daran gibt, dass es zu diesem „Wandel“ gekommen ist, von dem alle sprechen: Der Meeresspiegel ist vor vielen Jahren massiv gestiegen, Strände gibt es nicht mehr, „im Süden“ verdorrt die Erde, so dass man sich hier mit Mauern schützt gegen „die Anderen“, die aus dem Süden übers Meer kommen. Aber die Menschen dieser Elterngeneration „würden niemals zugeben, dass sie es waren. Und doch ist es direkt vor ihren Augen geschehen.“ Auch Hifa, die junge Frau auf dem Posten rechts von ihm, hasst ihre Eltern – Hifa, mit der er sich im Lauf der Monate anfreundet, sich dann in sie verliebt und sie schliesslich fragt, ob sie beide „Fortpflanzler“ werden möchten. Solchen Menschen, die für Nachwuchs an Wachpersonal sorgen sollen, werden Privilegien gewährt. Hifa sagt Ja, die beiden beginnen zu träumen von möglichen Leben nach dem Wachdienst, von einer kleinen Familie auf einem Bauernhof oder einer studentischen Wohngemeinschaft, alles könnte gut werden. Eines Nachts jedoch greift eine grosse Gruppe Anderer ihren Mauerabschnitt an; einem guten Dutzend davon gelingt die Flucht ins Landesinnere. Das bedeutet, dass Joseph, Hifa und drei weitere Verteidiger trotz ihrer zum Teil schweren Verletzungen in einem Rettungsboot mit nur zwei Rudern auf dem Meer ausgesetzt werden, nachdem ihnen der Chip, der ihnen eine politische Identität gegeben hatte, herausoperiert worden ist. Die ursprüngliche Lebensgleichung hat sich nach zwei Dritteln des Buches um einen Faktor reduziert: Kälte::::Wind::::Himmel::::Wasser. Und um einen ergänzt: Verlorenheit.
Was wird jetzt wohl?

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, auf die Unbilden der Zeit, auf die aktuell herrschenden Krisen und „die Zeichen an der Wand“ aufmerksam zu machen. Klimaforscher publizieren eindrückliche Studien, der Soziologe Bruno Latour zum Beispiel warnt eindringlich in Form eines „Terrestrischen Manifests“, viele junge Menschen gehen auf die Strasse und fordern einen „System Change“, der Sozialpsychologe Harald Welzer verfasst unter dem Titel „Alles könnte anders sein“ eine optimistisch gestimmte „Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ der Autor des hier vorgestellten Buches, John Lanchester, wählt die Form des Romans. „Die Idee dazu stammt aus einem Traum, den ich immer wieder hatte. In dem stand jemand auf einer Mauer und schaute auf die andere Seite. Das Buch entstand aus der Überlegung, wer diese Person ist und in welcher Welt sie lebt.“

Die Wirkung dieses Romans rührt – nebst dem magistral gestalteten Spannungsbogen wesentlich von der Sprache her: Es wird sehr nüchtern, betongrau quasi, berichtet, was der Fall ist, genauer: der Fall sein könnte. Zudem ist man als „Ich“ von Beginn weg mitten in der Geschichte, hält Wache, wartet, träumt von einem schöneren Morgen, wird unvermittelt angegriffen und später selber auf dem Meer ausgesetzt, treibt dahin, stösst zufällig auf andere Boote, erfährt einen Hauch von Gemeinschaft, wird aber wieder abgetrieben und kann schliesslich irgendwo anlegen, verloren in der Zeit, verloren im Raum
Philosophischer, politischer, existentieller kann ein Roman kaum sein.

John Lanchester, Die Mauer. Klett-Cotta 2019

Die namenlose Wut

Dass der Mensch (auch) das Produkt der Verhältnisse ist, in denen er lebt, lehren bekanntlich die Zivilisationsgeschichte und die Pädagogik. Was das konkret heissen könnte, zeigt das erstaunliche Romandébut des erst 24-jährigen, in Görlitz an der Grenze zu Polen lebenden Lukas Rietzschel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“.

Der Roman überstreicht die Jahre 2000-2015 und spielt in und um Neschwitz, im Osten Deutschlands also. Er setzt ein mit dem Bau des Einfamilienhauses für die Zschornacks und endet mit der mutwilligen Zerstörung eines Schulhauses: „In dieser Schule waren sie alle versammelt gewesen. Seine Schule, sein Ort, sein beschissenes Leben.“ Der das feststellt, ist Tobi Zschornack; seinen Werdegang (und den seines ein paar Jahre älteren Bruders Philipp) verfolgen wir vom Kindesalter bis zum jungen Mann, der zum Brandstifter wird. Wie es dahin kommt, können wir also nachlesen und so einer möglichen Antwort auf die Frage: Weshalb radikalisieren sich Jugendliche – zum Beispiel im Osten Deutschlands? auf die Spur kommen.

Dem Autor gelingt es, uns von Anfang an in eine Geschichte hinein zu ziehen, wie es sie vermutlich zu Hunderten gibt. Das Eindrückliche daran: Er tut das, indem er nur Szenen einer Kindheit und Jugend in der vormaligen DDR beschreibt, indem er konsequent beim Brüderpaar Zschornak bleibt, deren Mutter als Krankenpflegerin arbeitet und deren Vater zum Elektriker umgeschult wurde. Er erklärt nichts, taucht auch nicht ab in die Seelenwelt seiner Protagonisten, sondern begnügt sich damit nachzuzeichnen, was sich dem namenlosen Erzähler zeigt.
Als der Vater mithilfe eines arbeitslosen Freundes das Haus für seine Familie baut, sind die Eltern noch immer von der Hoffnung beseelt, der Zusammenschluss der beiden Deutschland verändere die Verhältnisse zum Besseren, obwohl es schon da immer mehr Anzeichen gibt, dass ihre Hoffnungen unerfüllt bleiben werden: Die nahe gelegene Ziegelesse wurde geschlossen, deren Kantine ging einige Zeit später zu, überwachsene Bahngeleise enden abrupt im Nirgendwo, Bekannte verlieren die Arbeit, Ehefrauen verlassen ihre Männer und gehen „nach drüben“, weil sie besser verdienen, einer ertränkt sich samt Auto in einem See.

Tobi und Philipp gehen zur Schule, langweilen sich auch in der Freizeit, streunen in der Gegend herum, schliessen sich einer Gruppe Jugendlicher an, deren Anführer, Menzel, ein schwarzes Auto fährt mit permanent heruntergedrehten Scheiben. Bier ist immer zur Hand, eine Gruppe Mädchen, denen man imponieren könnte, findet sich auch meistens, und eines Morgens entdeckt ein Lehrer auf einem Stein beim Eingang des Schulhofes ein aufgesprühtes Hakenkreuz; „aus einem der Autos rief jemand ‚Sieg Heil!‘ “ Es wird nie ganz klar, wer gesprüht und wer gerufen hat; unschwer zu verstehen ist jedoch das Faktum, dass der Hausmeister das Nazisymbol auch mit dem Hochdruckreiniger nicht mehr ganz wegbringt, denn „übrig blieben die hellen Stellen des gereinigten Steines. Das Kreuz im Negativ.“ Spätestens hier wird deutlich, dass etwas in der Luft liegt, sich zwar unterschwellig und wie zufällig herausbildet und sich nur ab und an in kleinen Explosionen entlädt: eine Wohnung mit Asylsuchenden wird angezündet, am „Hexenfeuer“, einem traditionellen Sommerfest, provoziert Tobi mit seinen Kollegen eine Schlägerei, damit Migranten verprügelt werden können – das braune Denken bringt man nicht mehr weg, im Gegenteil. Irgendwann verlässt der Vater die Familie und zieht mit der Frau eines Freundes ein paar Häuser weiter, die Grundschule wird geschlossen, die Clique der Jugendlichen sitzt mal da, mal dort zusammen, säuft schweigend und wartet; „manchmal, sagte Menzel, hab ich Lust, die Leute anzuschreien und zu rütteln, weil mich das nervt, wenn niemand was sagt oder macht. … Als würde dich die ganze Zeit jemand fest umklammern, aber du willst das gar nicht. Du willst raus, aber kannst nicht. … Und dann will ich auf alles einschlagen, richtig rein mit der Faust, bis alles blutet. Der ganze Mist, den einfach keiner rafft.“

Es wird deutlich, dass es das Diffuse und Anonyme der Politik ist, das die Menschen verstört und in die Resignation treibt oder eine unbestimmte, namenlose Wut schürt: „Die Schulen, die sie schlossen, die Sparkassen und Arztpraxen. Die Kreise, die sie zusammenlegten, die Gemeinden und Städte. Die Wege wurden länger, die Entfernungen grösser. … Kein Politiker, der sich den Massen stellte. Die hockten zu Hause, warm und gemütlich. Dienstwagen Mercedes. Noch nie im Leben mit den Händen gearbeitet.“ Tobi fühlt sich ausserhalb der Clique weder wahrgenommen noch unterstützt; selbst sein Bruder geht wegen eines Mädchens eigene Wege und verlässt die Clique. Wer in einer solchen von der Politik vernachlässigten Gegend wohnt, die Tobi beschreibt als „untergegangene, traurige Scheisse. Kein Mensch auf der Strasse. Abriss und Leerstand“, muss sich vermutlich als seiner Würde beraubt vorkommen und selber verwahrlosen oder aber gehen. Oder aus ohnmächtiger Wut auf diese namenlosen „sie“ „mit der Faust in die Welt schlagen“ und, zum Beispiel, ein als Asylheim vorgesehenes leer stehendes Schulhaus anzünden.

Dass dieser Roman bereits kurz nach Erscheinen in zweiter Auflage gedruckt werden konnte, erstaunt nicht; er macht erfahrbar, woran es liegen könnte, dass Populismus und Nationalismus einen Aufschwung erleben. Ein wichtiges Buch!

Lukas Rietzschel, Mit der Faust in die Welt schlagen. Ullstein 22018

Geschichten, die das Leben schrieb


Eine Kleinstadt in Illinois. Das Land ist flach, die Maisfelder endlos. Unter dem weiten Himmel Menschen, die das versuchen, was wir alle versuchen: Das Leben auf die Reihe zu kriegen. Irgendwie. Dennoch leiden viele „unter dem verbreitetsten Unglück von allen: Ihr Leben war nicht so verlaufen, wie sie es sich erträumt hatten.“

Die unangefochtene Meisterin im Erzählen der Geschichten solcher Menschen ist die gut 60-jährige Amerikanerin Elizabeth Strout; seit vielen Jahren schreibt sie Romane, die im eigentlichen Sinn keine sind, sondern aus einer Abfolge von Geschichten bestehen. Im Zentrum jedes Kapitels steht dabei zwar eine Hauptfigur – zum Beispiel die Besitzerin einer Frühstückspension , die in einem für sie charakteristischen Moment ihres Lebens gezeigt wird; je weiter man aber liest, desto deutlicher wird, dass Verbindungen dieser Figur zu anderen Personen bestehen, die in vorangegangenen Abschnitten aufgetaucht sind. Am Ende sitzt man vor einem Roman, dessen Personen wie Bäume in einem Wald stehen, deren Wurzeln ineinander verflochten sind und sich so zusätzlichen Halt geben. Vielleicht verleiht gerade dieses Rhizom an gemeinsamer Vergangenheit den Büchern dieser Autorin den besonderen Glanz und die Warmherzigkeit, für die sie bekannt ist?
Es sind meist „kleine“ Menschen, von denen sie schreibt, zum Beispiel treten auf ein Schulhausabwart, der früher eine grosse Farm besass, die abgebrannt ist, eine übergewichtige Krankenpflegerin mit einer rebellierenden Teenie-Tochter, ein Farmer, der sein Schwulsein bis zum Tod seines Freundes geheim halten musste oder eine Lehrerin, deren Mann sie verlassen hat, weil sie ihn „mit ihrer Mutter betrügt“, wie er sagt. Von besonderer Wichtigkeit ist jedoch Lucy Barton, die in drei der neun Kapitel des Buches vorkommt. Sie ist ähnlich alt wie Elizabeth Strout heute, bereits in deren letztem Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ prominent aufgetreten – eine Frau, die sich aus einer bitter armen Kindheit herauszuschreiben vermocht hat und jetzt als bekannte Schriftstellerin in New York wohnt. Eben hat sie ein neues Buch publiziert, das in der Buchhandlung des Städtchens ausliegt und das die verwitwete Schulberaterin Patty liest. Ihr Fazit dürfte auch das von vielen Leserinnen und Lesern sein, die den hier vorliegenden Roman gelesen haben: „Ich hab mich nach dem Lesen besser gefühlt als vorher, ich hab mich viel weniger allein gefühlt.“ In der Tat: Die Bücher sind nicht allzu zahlreich, bei denen man sich gleich (und gerne!) in mehrere Personen hineinversetzen und nachempfinden mag, was sie bewegt. Mehr noch: von ihnen so in die Geschichte hinein genommen wird, dass man sich fast schon als Nebenfigur der Handlung zu empfinden beginnt. Es erstaunt also nicht, dass Elizabeth Strout für ihren von Sabine Roth vorzüglich übersetzten Roman den „Story Prize 2018“ erhalten hat.

Elizabeth Strout, Alles ist möglich. Luchterhand 2018

Die Nachtwächterin und der Wolf

Märchen, zu deren Kennzeichen die Zeit- und Ortlosigkeit gehört, sind Geschichten, in denen noch alles möglich ist. Die 30-jährige Gianna Molinari wagt sich an einen solchen Text – mit Erfolg: Für ihren Debütroman „Hier ist noch alles möglich“ erhielt sie den Robert-Walser-Preis. Er stand zudem auf der Longlist des Deutschen und auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2018.

Schauplatz des Geschehens ist eine Fabrik. Einst hat sie komplexe Verpackungen hergestellt; jetzt produziert sie nur noch Wellpappe und soll bald verkauft werden. Trotzdem stellt der namenlose Chef noch eine Nachtwächterin ein, denn der Mensakoch hat berichtet, einen Wolf gesehen zu haben bei den Abfallbehältern; Gefahr doht! Mit ihrem Kollegen Clemens beobachtet sie abwechslungsweise das Gelände an Monitoren im Überwachungsraum, macht Rundgänge in den Fabrikhallen und im Umgelände, legt an Stellen, die der Chef bezeichnet, Tellereisen aus und gräbt mit Clemens über Wochen eine Fallgrube von drei Metern Tiefe; man will den Wolf um jeden Preis fangen. Weil sie da, wo sie herkommt „weiter südlich“ alle Verbindungen gekappt hat, richtet sie sich in der leeren Fabrikhalle über dem Kontrollraum ihr Zimmer ein, ihr „Viereck“: „Es gefällt mir hier. Das ist ein guter Ort. Hier ist noch alles möglich.“ Da notiert sie auch ihre Beobachtungen, ergänzt das mitgebrachte „Universal-General-Lexikon“, macht kindliche Skizzen von einigem, was ihr aufgefallen ist und sichtet ihre Fotografien. Ein gekündigter Arbeiter berichtet ihr eines Tages von einem Mann, den er vom Himmel hat fallen sehen; es soll ein Afrikaner sein, der aus dem Fahrgestell eines auf dem nahe gelegenen Flugplatz landenden Flugzeugs gefallen ist.
Interessiert an diesem Fall, verbringt die Nachtwächterin einen Grossteil ihrer zweiwöchigen Ferien, die es irgendwann gibt, auf diesem Flugplatz – der Kollege, der ihr diese Geschichte erzählt hat, arbeitet neu dort. Sie versucht mithilfe einer Technikerin, mit der sie sich anfreundet, ein solches Fahrgestell zu besichtigen und sich vorzustellen, wie der Flug des blinden Passagiers da drin abgelaufen sein könnte. Die Kontrollgänge auf dem Fabrikgelände unternimmt sie aber weiterhin. Und nach den Ferien sieht sie eines Tages den Wolf tatsächlich am Fenster ihres Zimmers sitzen, kann ihn später sogar fotografieren; von da an ist er manchmal da, manchmal nicht, aber Clemens und sie vergrössern desungeachtet das Loch für „das Monster“, „legen den Deckel über die Grube … Die Falle ist bereit.“

Der in lakonischer Sprache abgefasste, mit Skizzen angereicherte Ich-Roman überzeugt, weil er verschiedene Themen in einer beinahe schon einfach zu nennenden Geschichte bündelt. Zum Beispiel „der Wolf“ als Allegorie, der „aus den Bergen kam“ und unsere umzäunte Zivilisation bedroht – auch wenn ihn niemand je zu Gesicht bekommt ausser der Nachtwächterin. Er muss zusammen gesehen werden mit unserem Bestreben, das generell Unsichere zu sichern und dem Bedrohlichen „Fallen“ zu stellen – auch wenn das Risiko besteht, dass die Falschen fallen und das, was man wahrnimmt, nicht das ist, was es zu sein scheint. Denn, wie der Titel verheisst: Hier ist noch alles möglich.

Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich. Aufbau 2018

Mittwoch, 1. Mai 2019

Biografie: Ein Spiel?

Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ Dieser Satz aus dem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch könnte als Motto über dem von Claudia Hamm hervorragend neu übersetzten Text des gut 60-jährigen Franzosen Emmanuel Carrère stehen: „Der Widersacher“.

Es ist eine seltsame und gleichzeitig Furcht einflössende Geschichte, die der renommierte Pariser Autor und Regisseur erzählt; nach Jahren des Ringens um die passende Form hat er sie vor genau 20 Jahren publiziert. „Diese grauenhafte Geschichte hatte mich erwählt“, sagt Carrère an einer Stelle im Buch; im Anhang begründet er, was er damit gemeint hat: „Ich habe den Eindruck, dass ich nur über Stoffe schreiben kann, die mich erwählt haben. … Ich brauche dieses Gefühl unbedingt zum Schreiben, diese etwas übergeschnappte Überzeugung, ein Thema sei für mich bestimmt.“
Worum geht es?

Am Samstagmorgen, den 9. Januar 1993, bringt Jean-Claude Romand, damals 39 Jahre alt, seine Frau und seine beiden kleinen Kinder um, fährt anschliessend zu seinen Eltern, die er ebenfalls erschiesst; ihren Hund tötet er auch. Dann fährt er nach Paris, wo er versucht seine Geliebte zu erdrosseln; als sich ihre Blicke einen kurzen Augenblick treffen, lässt er im letzten Moment von ihr ab und bringt sie unter Tränen nach Hause. Anschliessend fährt er zurück ins Haus, wo die Leichen seiner Familie auf ihren Betten liegen, und verbringt den Sonntag auf dem Sofa vor dem Fernseher. Spät Nachts verteilt er in Kanistern mitgebrachtes Benzin in den oberen Stockwerken, zieht den Schlafanzug an, nimmt ein längst abgelaufenes Barbiturat, legt am frühen Morgen Feuer und geht ins Schlafzimmer. Die Müllabfuhr, die kurz darauf vorbei kommt, entdeckt den Brand; Jean-Claude Romand überlebt.

Weshalb konnte es bei einem überall beliebten, höflichen und angesehenen Arzt und Forscher bei der WHO in Genf zu einer solchen Explosion von Gewalt kommen? Wie ist es möglich, dass ein liebevoller und engagierter Familienvater seinen 5-jährigen Sohn und seine 7-jährige Tochter erschiesst? Was bringt einen besorgten und aufmerksamen Sohn dazu, seine betagten Eltern mit einem Karabiner umzubringen – und all das innerhalb eines halben Tages? Freunde, Bekannte, die ganze Region, alle stehen unter Schock. Man beginnt zu vermuten, stellt Hypothesen auf, sucht nach Erklärungen. Das Warum? wird zur peinigenden Frage.

Im Lauf der folgenden Wochen und Monate bringen die amtlichen Untersuchungen nach und nach Licht in ein Dunkel, das allen Betroffenen noch einmal den Atem nimmt und wie ein Nachbeben die Menschen verstört: Abgesehen von den sichtbaren Fakten (Romand war wirklich der Sohn seiner Eltern und Ehemann und Vater) erweist sich die gesamte Existenz des Beschuldigten als pure Fiktion: Weder ist er Arzt, noch forscht er bei der WHO; weder ist er ein Freund des Mitbegründers von Médecins sans Frontières und Ministers für Gesundheit Bernard Kouchner, noch hat er ein revolutionäres Krebsmittel gefunden; weder wird er demnächst Direktor eines renommierten Forschungs-Instituts, noch hat er Krebs. – 18 Jahre lang (!) ist es ihm gelungen, der Welt um ihn herum ein von A bis Z erfundenes Leben vorzuspielen, das er mit dem ihm blindlings anvertrauten Vermögen seiner Eltern und Schwiegereltern ohne deren Wissen finanziert hat. Zum dramatischen Ende kommt es erst, als seine Geliebte ihr Geld von ihm zurückverlangt, das sie ihm auf sein Versprechen hin gegeben hat, er werde es für sie gewinnbringend anlegen. Für den 9. Januar 1993 war die Geldrückgabe vorgesehen.

Zu den ursprünglichen Fragen kommen folglich weitere hinzu: Wie ist es möglich, dass all die vielen Jahre hindurch niemand etwas gemerkt hat? Wie kann es sein, dass sich Romand 12 Jahre lang jedes Jahr für das selbe zweite Studienjahr Medizin immatrikulieren konnte, dessen Semesterprüfung er 1975 willentlich versäumt hat? Was hat die Eltern bewogen, nie nachzufragen bei ihrem Sohn, obwohl sie mitbekommen haben, wie rapide das Vermögen auf ihrem Konto schmilzt? Was hat der fiktive Mediziner all die Jahre getrieben, wenn er „arbeiten“ ging? Was also ist die Wahrheit dieses seines Lebens? (Geradezu prophetisch erweist sich das Thema seiner Philosophie-Abiturprüfung, das er gewählt hatte: „Gibt es die Wahrheit?“)
Ein Mensch schliesst sich 18 Jahre lang in einem imaginierten Leben ein, obwohl, von uns aus nach Rekonstruktion der Fakten gesehen, im Grunde keine Notwendigkeit dafür bestand. Eine erste Lüge provoziert die nächste und das ganze Lügengespinst ergibt – von aussen gesehen – ein erstaunlich „normales“ Leben. Allerdings nur für die andern, welche in diesem Lebensspiel mitspielen (müssen? wollen? Und: Tragen die, die – wenn auch ohne ihr Wissen – dieses Spiel mitspielen, nicht erheblich dazu bei, das Spiel am Laufen zu halten?). Denn für den Autor dieses Lebensdramas gilt eher ein Satz aus Dostojewskis „Die Brüder Karamasov“: „Mit der Unwahrheit kommt man wohl bis ans Ende der Welt, aber man kommt nicht zurück.“

Emmanuel Carrères Leistung liegt darin, uns diese (wahre!) Geschichte in Form eines dokumentarischen Romans zu erzählen. Der in sehr klarer Sprache gehaltene Text ist atemberaubend, weil er uns nicht nur betroffen macht, sondern uns auch betrifft. Denn er erzählt davon, was menschenmöglich ist, und greift damit weit ins Philosophische hinaus. Bettina Stangneths vor Kurzem erschienenes Buch „Lügen lesen“ könnte als Verständnishilfe ganz gut zum „Widersacher“ passen; ihr erster Satz darin lautet: „Kein Mensch will die Wahrheit.“ Und wenig später heisst es: „In der Wahrheit endet die Freiheit.“ – Vielleicht wollte Jean-Claude Romand einfach nur frei sein und schloss sich deshalb ein im Gefängnis seiner erfundenen Lebensgeschichte?

Emmanuel Carrère, Der Widersacher. Matthes & Seitz 2018